„Ich will mit den vorhandenen Ressourcen möglichst viel Leid verhindern“

EA-Porträt

Noémie Zurlinden, 26, Doktorandin in Volkswirtschaftslehre, St. Gallen

Noémie Zurlinden

Nach einem Forschungsaufenthalt in Kenia arbeitet Noémie Zurlinden nun an ihrer Dissertation zu ethnischer Diversität und Konflikten in Entwicklungsländern. Ihr Ziel ist es, Prinzipien wie Effektivität, Rationalität und Nutzenmaximierung darauf anzuwenden, möglichst viel Leid bei Tieren und Menschen zu mindern.

Interview: Janique Behman

Noémie, du strebst eine berufliche Laufbahn im Bereich der Entwicklungsökonomie an. Wie steht dein Interesse für den Effektiven Altruismus mit deinem Werdegang in Zusammenhang?

Mit Effektivität kam ich vor allem durch mein Studium der Volkswirtschaftslehre (VWL) in Berührung: In diesem Fach sind die Prinzipien der Effektivität und Effizienz von zentraler Bedeutung. Zudem interessiere ich mich für Philosophie, was mir den Zugang zu den Ideen des Utilitarismus erleichterte – welcher vereinfacht gesagt anstrebt, dass möglichst viele Individuen so wenig wie möglich leiden – und dadurch auch den Zugang zu den Ideen des Effektiven Altruismus.

Wie verlief denn deine bisherige Studienbiografie?

Ich habe an der Universität Bern einen Bachelor in VWL, Sozialwissenschaften und Philosophie und einen Master in VWL abgeschlossen. Nach einem dreimonatigen Praktikum beim Busara Center for Behavioral Economics in Nairobi, Kenia, habe ich im August 2015 meinen PhD an der Universität St. Gallen in VWL begonnen. In meiner Dissertation beschäftige ich mich mit den Folgen von ethnischer Diversität in Entwicklungsländern, zum Beispiel mit den Auswirkungen von Ungleichheit zwischen ethnischen Gruppen auf gewaltsame Konflikte.

Wie bist du auf den EA gestoßen? Hast du dich schon länger mit solchen Themen beschäftigt?

Meine Studienkollegin Rita Fleer half mit, die Lokalgruppe an der Universität Bern zu gründen, und nahm mich mit zum ersten Event, einer Einführung in den Effektiven Altruismus. Für mich waren sowohl die Idee der Effektivität in der Entwicklungshilfe als auch die Wichtigkeit der Bekämpfung des Leids von Tieren von Beginn an sehr interessante Themen.
Dies liegt wohl daran, dass ich schon als Kind Ungerechtigkeiten nicht ertragen konnte und das Bedürfnis verspürte, etwas für Menschen zu tun, denen es schlecht geht. Mit zwölf Jahren entschied ich mich dafür, kein Fleisch mehr zu essen. Ich konnte es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, dass fühlende Lebewesen bloß für eine kurze Gaumenfreude leiden und sterben müssen.

Wo kannst du dich nun in deinem Hochschulumfeld für solche Anliegen engagieren?

Schon während meines Studiums an der Universität Bern habe ich mich bei der studentischen Gruppe THINK Uni Bern (The High Impact Network; jetzt: Effektiver Altruismus Bern) engagiert. In St. Gallen bin ich nun als Co-Präsidentin bei der Hochschulgruppe Effektiver Altruismus St. Gallen aktiv. Ich helfe mit, Vorträge und Podiumsdiskussionen zu organisieren. Unser neuestes Projekt ist es, uns für ein größeres vegetarisches Angebot in der Mensa der Universität St. Gallen einzusetzen. Wir wollen einen Veggie-Tag oder ähnliche Maßnahmen fordern, da der Fleischkonsum einen beträchtlichen Beitrag zum CO₂- und Methan-Ausstoß ausmacht und einen immensen, äußerst ineffizienten Ressourcenverbrauch mit sich bringt. Wir führen also in erster Linie Argumente in Bezug auf Nachhaltigkeit ins Feld, die für viele Menschen zugänglich sind. Aber unser Ziel ist es schlussendlich, mit einer Reduktion des Fleischkonsums an der Universität zur Verminderung des Leids von Tieren beizutragen und eine Signalwirkung für andere Institutionen zu entfalten.

„EA verbindet Altruismus gegenüber Menschen und Tieren mit den Prinzipien von Effektivität und Maximierung.“

Wie hat der EA dein Denken und Handeln beeinflusst?

Im EA sind die Prinzipien der Effektivität, Rationalität und der maximalen Minderung von Leid zentral. Diese waren für mich bisher intuitiv wichtig, aber durch den EA begann ich sie vermehrt in meinen Entscheidungen anzuwenden. Durch den Effektiven Altruismus wird man angehalten, Fehler und Inkonsistenzen in den eigenen bisherigen Überlegungen und Handlungen aufzudecken und möglichst zu überwinden – nachdem ich mich zum Beispiel gefragt hatte, ob die geographische Distanz zu einem leidenden Wesen wirklich ethisch relevant ist, wurde ich mir unserer Verantwortung bewusst, anderen Menschen zu helfen, auch wenn sie einige Tausend Kilometer von uns entfernt leben.

Prägt diese globale Ausrichtung auch dein sonstiges Leben?

Ja, ich lerne gerne Sprachen und liebe es, neue Orte und Kulturen zu entdecken. Um mich vom Alltag zu erholen, lese ich viel und mache Yoga. Und natürlich tratsche ich auch gerne mit meinen Freundinnen.

Wie erklärst du denn jemandem in deinem Umfeld, was für dich einzigartig ist an der Philosophie des Effektiven Altruismus?

Die Idee des EA überzeugt mich, da dieser auf rationalen Überlegungen basiert. Er verbindet Altruismus gegenüber Menschen und Tieren mit Logik und den Prinzipien von Effektivität und Maximierung: Wie bewirken wir möglichst viel Gutes, wie verhindern wir möglichst viel Leid mit den uns vorhandenen Ressourcen? Aufgrund logischer Überlegungen kommt der Effektive Altruismus auch zum Schluss, dass das Leid nichtmenschlicher Tiere unserer Aufmerksamkeit ebenso bedarf wie das Leid von Menschen. Was für mich schon immer intuitiv naheliegend war, kann ich nun durch rationale Argumente untermauern.

Vielen Dank für deine Überlegungen und für dein Engagement!


Reihe: EA-Porträt

In dieser neu ins Leben gerufenen Interviewreihe stellen wir unterschiedliche Personen aus dem Umfeld des Effektiven Altruismus vor. Wir wollen die soziale Bewegung des EA und den Kreis der Unterstützer/innen der EA-Stiftung in ihrer Vielfalt darstellen. Bisher erschienene Artikel:


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