„Als effektiver Altruist möchte ich maximal rational und emotional sein.“

EA-Porträt

Johannes Ackva, 30, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Nachhaltigkeits-Thinktank adelphi, Berlin

Johannes Ackva

Johannes genießt lokale Klimaerwärmung in der Sauna, setzt sich aber beruflich für Klimapolitik zur Eindämmung der Erderwärmung ein. Neben Spenden für EA-Meta-Organisationen besteht sein Engagement darin, eine neue EA-Perspektive auf Klima- und Energiethemen zu entwickeln. Worin diese besteht und wie er vom Umweltaktivisten zum Kritiker vieler traditioneller grüner Positionen wurde, erklärt er im folgenden Gespräch.

Interview: Janique Behman

Johannes, wie erneuerst du selbst deine Energie, um dich jeden Tag mit ernsten Klimathemen zu beschäftigen?

In der Sauna! Während ich 80 % meiner Zeit damit verbringe, dazu beizutragen, die globale Erwärmung auf 2 °C zu begrenzen, finde ich +75 °C lokale Erwärmung oft großartig. Es ist für mich die beste Erholung und gibt mir einen sehr positiven Ausblick nach einer anstrengenden Woche.

Erzähl uns mehr darüber, wer du bist und was du beruflich machst.

Zurzeit bin ich Berliner und arbeite in der Politikberatung im Bereich Energie- und Klimapolitik. Ich bin wissenschaftlicher Mitarbeiter bei adelphi Berlin, einem Nachhaltigkeits-Thinktank. Vorher habe ich in Chicago, Groningen und Bremen studiert – vor allem Politikwissenschaft und Soziologie, aber auch ein bisschen Volkswirtschaftslehre.

Wie engagierst du dich im EA-Bereich?

Zum einen versuche ich, einen möglichst großen Teil meines Einkommens an EA-Meta-Organisationen zu spenden, damit die Bewegung mehr Menschen erreicht.

Zum anderen setze ich meine inhaltliche Expertise in Energie- und Klimathemen dazu ein, eine Art „Effektiven Energie-Altruismus” zu entwickeln. Dazu gebe ich Talks und schreibe auch an einem längeren Positionspapier zu EA, Klima und Energie.

Wie wird das Thema Klimawandel aus deiner Sicht in der EA-Bewegung thematisiert?

Kurz gesagt habe ich den Eindruck, dass sich effektive Altruistinnen und Altruisten (EAs) mit diesem Thema bisher vergleichsweise oberflächlich und nicht sehr zielführend beschäftigt haben. Daher versuche ich eine alternative Perspektive zu entwickeln, die fragt: Wie würde sich die Welt verändern, wenn uns allen saubere Energie zur Verfügung stände? Was würde das bedeuten für das Klima, aber auch für Luftverschmutzung und Energiearmut? Die letzten beiden sind ähnlich wichtige, aber deutlich weniger beachtete Themen.

Wenn man die Perspektive so erweitert und sich anschaut, was im Bereich saubere Energie vernachlässigt ist, kann man ziemlich konkrete Handlungsvorschläge für EAs ableiten: Da die Klima- und Energiediskussion durch ziemlich unproduktive Konflikte von Anhängern/innen unterschiedlicher sauberer Energieformen geprägt ist, ist der evidenzorientierte Einsatz für alle sauberen Energieformen ein solches Handlungsfeld. Das schließt Solar und Wind ein, aber auch Biomasse und Atomenergie sowie Technologien, welche die Treibhausgase von fossilen Kraftwerken einfangen (carbon capture and storage). Ein solcher Fokus auf ein breites Technologieportfolio geht aus den wissenschaftlichen Studien, z. B. vom Weltklimarat (IPCC), recht klar hervor, wird aber gerne vergessen. Ein anderes Handlungsfeld ist Energie-Innovation, da der Energiesektor durch eine ziemlich starke Trägheit geprägt ist und existierende Technologien meist genug Fürsprecher/innen für ihren Ausbau haben, während Energie-Innovation oft vernachlässigt am Rande liegt. Das ist auch nicht überraschend, denn letztlich haben existierende Marktakteure, egal ob fossil, nuklear oder erneuerbar, zunächst wenig Interesse an Innovationen, die ihre Investitionen und Marktstellung gefährden.

„Ich will wissen, wenn ich bezüglich der Wichtigkeit eines Themas falsch liege, denn dann kann ich mich einem wichtigeren Problem widmen.“

Hast du dich immer schon für ökologische Themen eingesetzt? Oder haben sich deine Engagements im Laufe deines Lebens verändert?

Tiere und Umweltschutz waren mir sehr früh sehr wichtig: Ich entwickelte ein Brettspiel, wo man den sibirischen Tiger vor Wilderern retten konnte. Auch fühlte ich mich sehr schuldig, als eine Raupe, die ich in einem Glas gefangen und gehalten hatte, starb. Vielleicht typisch für das Aufwachsen in Deutschland in den frühen Neunzigern waren viele meiner Sorgen ökologischer Natur: „Was, wenn uns am Ende dieses Wasser, das ich jetzt benutze, fehlt?“

Die Umweltbewegung war dann für mich in meiner Jugend auch sehr prägend. Ich protestierte gegen Präsident Bushs Mainz-Besuch und gegen Atomenergie. Präsident Bush mag ich immer noch nicht. Letztes Jahr bin ich allerdings für Atomenergie auf die Straße gegangen, da habe ich dazugelernt.

Während meines Engagements in der Umweltbewegung ist mir dann Evidenzorientierung und Effektivität zunehmend wichtiger geworden. Ich hatte das Gefühl, dass ich für und gegen Dinge protestierte, von denen ich letztlich keine Ahnung hatte. Und dass wir unheimlich viel Energie auf interne Konflikte und auf Strategien verwendeten, die viel mehr mit Glorifizierung eines bestimmten Lebensstils als mit Mehrheitsgewinnung und Problemlösung zu tun hatten.

Nach der Schule war ich ein Jahr in Indien und habe in Slums und mit Straßenkindern gearbeitet. Das war auch eine prägende Erfahrung. Danach war ich erstmal eine ganze Weile nicht als Aktivist engagiert, da ich sehr auf mein Studium fokussiert war. Ich wollte zuerst einmal besser verstehen, wofür ich mich am Besten einsetzen sollte, sowohl aus praktischer Perspektive (was ist wichtig?) wie auch aus politischer Sicht (was ist durchsetzbar?).

Wie bist du denn später auf den Effektiven Altruismus gestoßen?

Ein alter Kommilitone fing an, beim Centre for Effective Altruism zu arbeiten, und versprühte seinen Enthusiasmus auf Facebook. Das machte mich neugierig und ich las The Most Good You Can Do von Peter Singer, was damals gerade neu erschienen war.

Sofort spürte ich eine sehr starke Resonanz: Da gab es also eine Philosophie und Bewegung, die viele meiner moralischen Intuitionen, die mich oft etwas verrückt erscheinen ließen, systematisch formalisierte und zu Ende dachte (und handelte!). Eine großartige und sehr motivierende Entdeckung! Dann kam Doing Good Better von William MacAskill heraus, ich besuchte meine erste EA-Global-Konferenz in Oxford, und ich war voll an Bord. Und hatte auch erstmal eine Sinnkrise, da es mich viele Aspekte meiner damaligen Arbeit in Frage stellen ließ. Es hat eine Weile gedauert, bis es dann klick gemacht hat und ich für mich herausgefunden habe, wie ich zur EA-Bewegung beitragen kann.

Was war deine wichtigste Neuentdeckung durch die Beschäftigung mit dem Effektiven Altruismus?

Zweierlei, beide habe ich der Stiftung für Effektiven Altruismus zu verdanken:
Kaspar Etter kam nach Berlin und hielt einen Vortrag zu den Sicherheitsrisiken künstlicher Intelligenz. Da habe ich das erste Mal wirklich begriffen, was für ein enormes Problem das sein könnte und wieso es – aufgrund politischer und wirtschaftlicher Mechanismen wie internationaler Konkurrenz und eines Technologie-Wettlaufs, der Sicherheitsfragen vernachlässigt – sehr wahrscheinlich ist, dass wir diesem Problem nicht ausweichen können.

Das andere Thema ist Tierleid. Ich bin zwar schon seit über 10 Jahren Vegetarier und habe mich als Kind viel mit dem Retten von Tieren beschäftigt, aber das war eher unreflektiert. Das Ausmaß des Problems hatte ich nicht verinnerlicht, weder rational noch emotional. Emotional fällt es mir immer noch schwer, aber ein Großteil meiner Spenden sind für tierbezogene Themen bestimmt, da ich von den rationalen Argumenten für die Priorisierung von Tierleid sehr überzeugt bin.

„Der EA bedeutet, dass wir uns mit Themen beschäftigen, die uns vorher egal waren – und auch Dinge tun, von denen wir rational wissen, dass sie richtig sind, auch wenn sie uns emotional nicht stark berühren.“

Was ist für dich also zentral am Effektiven Altruismus?

Sätze wie: „Die Tatsache, dass du nicht allen Lebewesen gegenüber starkes Mitgefühl empfinden kannst, bedeutet nicht, dass du nicht so handeln kannst, als ob du es könntest.“

Oder auch: „Als effektiver Altruist möchte ich maximal rational und emotional sein.“

Oder: „Ich will wissen, wenn ich bezüglich der Wichtigkeit eines Themas falsch liege, denn dann kann ich mich einem wichtigeren Problem widmen.“

Solche Sätze, die ich von anderen effektiven Altruistinnen und Altruisten gelesen und gehört habe, haben mich tief geprägt und machen für mich den Effektiven Altruismus aus.

Angefangen bei der Realisierung, dass unsere Gefühle nicht in der Lage sind, den Zustand der Welt akkurat abzubilden. Aber – und das ist entscheidend und oft missverstanden – dies bedeutet nicht, dass wir als effektive Altruisten/innen Roboter sein wollen. Stattdessen versuchen wir unser Mitgefühl für andere Lebewesen zu kultivieren und zu erweitern. Und dann versuchen wir zu verstehen, wie wir am Besten möglichst viel Gutes bewirken können. Auch wenn das bedeutet, dass wir uns mit Themen beschäftigen, die uns vorher egal waren, dass wir unsere Meinung ändern oder dass wir Dinge tun, von denen wir rational wissen, dass sie richtig sind, auch wenn sie uns emotional nicht stark berühren.

Diesbezüglich verhält es sich hier ganz anders als in vielen anderen sozialen Bewegungen, die sehr viel mehr durch ein bestimmtes Thema geprägt sind, welches die Gruppe definiert. Und wo es dann auch fundamentale Annahmen gibt, die man nicht leicht in Frage stellen kann, wenn man ein Teil dieser Gruppe sein will.

Natürlich hat der EA auch Grundannahmen, die wir nicht hinterfragen, sondern als axiomatisch ansehen, aber wir versuchen diese minimal zu halten: die grundlegende moralische Relevanz aller empfindungsfähiger Lebewesen und das Bekenntnis zur wissenschaftlichen Methode zur effektiven Verbesserung der Situation.

Wo kann man mehr über deine Arbeit erfahren?

Ich empfehle allen an Effective Energy Altruism Intertessierten, sich die Folien meiner Präsentation am Imperial College London (März 2017) sowie das Video zu meinem Vortrag in Berlin (Oktober 2016) anzusehen.

Vielen Dank für deine pointierten Aussagen!

Sehr gerne.


Reihe: EA-Porträt

In dieser neu ins Leben gerufenen Interviewreihe stellen wir unterschiedliche Personen aus dem Umfeld des Effektiven Altruismus vor. Wir wollen die soziale Bewegung des EA und den Kreis der Unterstützer/innen der EA-Stiftung in ihrer Vielfalt darstellen. Bisher erschienene Artikel:


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