Triage – sind wir tagtäglich Sanitäter in einer Katastrophensituation?

Stellen wir uns vor, ein Sanitäter befindet sich auf einem Schlachtfeld mit tausenden verletzten Soldaten. Viele davon sind schwer verwundet und erleiden unerträgliche Schmerzen. Der Sanitäter ruft um Hilfe und erfährt, dass er in etwa 30 Minuten Unterstützung erhalten wird. Glücklicherweise hat er einige Schmerzmedikamente bei sich, mit denen er die Schmerzen der Verletzten lindern kann. Der Sanitäter behandelt nun die nächstliegenden fünf vergleichsweise leicht verwundeten Soldaten und liest dann einen Comic. Er argumentiert, er habe das summierte Gemeinwohl bereits ein bisschen zum Positiven verändert und sei deshalb nicht dazu verpflichtet, all seine Energie dafür zu verwenden, den anderen verwundeten Soldaten zu helfen. Wären wir mit dieser Entscheidung einverstanden? Und würden wir es gutheißen, dass der Sanitäter die wenigen Medikamente den leicht verwundeten Soldaten in seiner direkten Nähe gibt, während viele andere schlimmste Todesqualen erleiden müssen? Wir würden wohl beide Fragen mit Nein beantworten.

Triage bedeutet, zuerst dort zu helfen, wo medizinische Hilfe am dringendsten benötigt wird, d. h. alle verfügbaren Ressourcen so einzusetzen, dass möglichst viel Leid verhindert wird. Inwiefern nun unterscheidet sich unsere reale Welt vom beschriebenen Schlachtfeld? Wenn wir uns entscheiden, wofür wir unsere Zeit und unser Geld aufwenden, welchen Berufsweg wir verfolgen und welche Ziele wir uns im Leben setzen, fällen wir dieselbe Entscheidung wie der Sanitäter, der sich überlegt, ob er leidende Soldaten behandeln (und wenn ja, welche und wie viele) oder ein Comicbuch lesen möchte. Der einzige Unterschied: In unserer Welt sind die Konsequenzen von Unterlassungs- bzw. Comichandlungen oft nicht direkt sichtbar. Wer sagt: „Ich verstehe, dass mein Vorgehen nicht so viel Leid wie möglich reduzieren wird, aber wenigstens tue ich etwas“, ist in einer ähnlichen Position wie der Sanitäter, der nur jene behandelt, die leicht verletzt sind und sich in seiner Nähe befinden – und so „immerhin etwas“ tut.

Ist der Versuch, die verfügbaren Ressourcen maximal effektiv einzusetzen, hart und kaltherzig? Vernachlässigt die strikte Triage das Leid derjenigen, die keine Behandlung erhalten? In unserer realen Welt können wir nicht allen helfen. Unsere Ressourcen sind begrenzt und wir müssen uns daher nolens volens entscheiden, welchen Notleidenden wir wann und wie stark helfen sollen. Die Frage lautet also nicht, ob wir jemanden „vernachlässigen“ wollen, sondern wen. (Am besten wohl diejenigen, die unter der „Vernachlässigung“ am wenigsten zu leiden haben werden.) Auch dürfen wir uns nicht dazu verleiten lassen, keiner Person zu helfen. Denn auch nichts zu tun oder nicht alles zu tun, ist eine Entscheidung, die wir treffen. Wir können uns der Entscheidung folglich gar nicht entziehen: Wir alle entscheiden in unseren Köpfen jederzeit darüber, wie die Welt verlaufen wird. Triage bedeutet, die verfügbaren Ressourcen wohlüberlegt so einzusetzen, dass maximal viel Leid verhindert wird. Triage ist kein Akt der Kaltherzigkeit, sondern stellt die höchste Form wirksamen Mitgefühls dar.

Quelle

Tomasik, B. (2012). On triage. http://80000hours.org/blog/49-on-triage


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