Gedankenexperimente sind unrealistisch. Warum sind sie für die Ethik trotzdem hilfreich?

„Angenommen, es gäbe eine Maschine, an die du dich anschließen könntest, so dass dir virtuell das perfekte Leben simuliert wird – alles genau so, wie du es dir wünschst. Würdest du dich anschließen?“

In der Ethik wie auch in der Philosophie allgemein gehören Gedankenexperimente zum methodischen Grundinventar. Manche Gedankenexperimente – wie die eingangs beschriebene „Experience Machine“ von Robert Nozick oder Philippa Foots „Trolley Problem“ (siehe unten) – sind so bekannt, dass sie über die akademische Philosophie hinaus diskutiert werden. Weil es bei ihnen oft der Fall ist, dass verschiedene Leute mit starker Überzeugung gegenteilige Positionen vertreten, sind sie gut geeignet, Diskussionen in Gang zu setzen. Allerdings ist bei diesen Diskussionen oft nicht allen Beteiligten klar, wie Gedankenexperimente funktionieren und worin überhaupt ihr Sinn liegt. In den folgenden Abschnitten wollen wir deshalb häufige Missverständnisse über Gedankenexperimente im Kontext der Ethik klären.

Im Gegensatz zu Hypothesen in den Naturwissenschaften können ethische Prinzipien oder Theorien nicht empirisch überprüft werden. Trotzdem gibt es rationale Ansätze, die zur Beurteilung ethischer Theorien herangezogen werden können. Eine ethische Theorie kann zum Beispiel widerlegt werden, indem gezeigt wird, dass sie formal nicht widerspruchsfrei ist: Sie kann zum Beispiel nicht gleichzeitig A und nicht-A behaupten, sonst behauptet sie effektiv gar nichts. Weiter ist auch relevant, wie gut ein Standpunkt und die dafür vorgebrachte Argumentation der Überprüfung durch Gedankenexperimente standhalten. Denn oft besteht der Zweck eines Gedankenexperiments darin, eine spezifische Intuition oder Annahme ad absurdum zu führen. Für das zu überprüfende Kriterium wird eine (Entscheidungs-)Situation konzipiert, in der – so die Annahme – die Vertreter/innen einer bestimmten Position nicht mehr gewillt sind, ihre Prinzipien konsequent anzuwenden. Damit es nicht zu Missverständnissen kommt bzw. damit man eine spezifische Frage isoliert betrachten kann, werden (wie in den empirischen Wissenschaften) alle für die spezifische Frage irrelevanten Variablen ausgeschlossen, was dazu führen kann, dass Gedankenexperiment-Situationen in der realen Welt selten oder (vorerst) gar unmöglich sind.

Zur beispielhaften Verdeutlichung eine Variante des Trolley-Problems, dem vielleicht bekanntesten Gedankenexperiment in der Ethik:

Standardbeispiel: Eine Straßenbahn ist außer Kontrolle geraten und fährt auf fünf an das Gleis gefesselte Personen zu. Du stehst als Beobachter neben dem Gleis und kannst die Weiche umstellen, so dass die Straßenbahn ihren Kurs ändert und nur eine Person tötet. Solltest du die Weiche umstellen?

Brückenbeispiel: Wieder fährt eine Straßenbahn auf fünf an ein Gleis gefesselte Personen zu. Du stehst auf einer Brücke, unter der die Straßenbahn durchfahren wird. Neben dir steht ein schwerer Mann. Wenn du ihn von der Brücke stößt und dadurch tötest, bringst du die Straßenbahn zum Stoppen und rettest somit die fünf Personen. Solltest du den Mann runterstoßen?

Zunächst fällt wohl auf, dass die hypothetischen Szenarien ziemlich weit hergeholt sind. Insbesondere im zweiten Szenario scheint es völlig unplausibel, dass das Gewicht eines Mannes eine Straßenbahn aufhalten könnte. Das Gedankenexperiment könnte natürlich realistischer gemacht werden, doch darum geht es bei Gedankenexperimenten nicht. Solange wir uns darüber im Klaren sind, was im Beispiel nach definitorischer Voraussetzung der Fall ist und was nicht, erfüllt auch ein völlig unrealistisches Gedankenexperiment seinen Zweck – der Parameter „(un)realistisch“ ist hier irrelevant.

Hier die „Regeln“ für das Nachdenken über Gedankenexperimente:

1) Es gibt nur die Handlungsmöglichkeiten, die im Gedankenexperiment vorgestellt werden. Es ist nicht erlaubt, weitere Handlungsmöglichkeiten vorzuschlagen.

2) Es gibt nur die Konsequenzen, die im Gedankenexperiment vorgestellt werden. Es ist nicht erlaubt, zusätzliche mögliche Konsequenzen für die Entscheidung zu berücksichtigen.

Nur wenn man die Handlungsmöglichkeiten und Konsequenzen gezielt einschränkt, können zusätzliche Variablen ausgeklammert werden, die die Beurteilung der ethischen Theorie beeinträchtigen könnten. Wenn sich dann herausstellt, dass man ein bis anhin als vernünftig bewertetes Prinzip nicht mehr anwenden würde, dann ist dies eine wichtige neue Erkenntnis, die weitreichende Folgen haben kann.

Im Trolleydilemma oben geht es um die Frage, ob für eine Handlung nur die guten und schlechten Konsequenzen eine Rolle spielen oder ob es zum Beispiel einen Unterschied macht, wie die Konsequenzen herbeigeführt werden. Im Standardbeispiel entscheiden sich die meisten Menschen dafür, die Straßenbahn umzulenken, so dass nur eine Person stirbt. Im Brückenbeispiel sieht es aber anders aus: Die meisten Menschen würden den Mann nicht von der Brücke stoßen. Legt dies nahe, dass neben den Konsequenzen noch weitere Aspekte einer Handlung ethisch relevant sind? Anhand der beiden Beispiele kann nun versucht werden, relevante Unterschiede auszumachen. Daraus lassen sich neue Hypothesen für ethische Prinzipien ableiten. Jemand, der beim Brückenbeispiel den Mann nicht von der Brücke stoßen würde, könnte behaupten, dass es falsch ist, Menschen zu instrumentalisieren bzw. „als Mittel zum Zweck“ zu verwenden, selbst wenn es zu insgesamt weniger Opfern führt. Diese Hypothese kann in einer weiteren Version des Trolley-Problems, dem Schlaufenbeispiel, getestet werden.

Schlaufenbeispiel: Hier ist die Situation identisch mit dem Standardbeispiel, abgesehen von einem zusätzlichen Weichenstück, das die Straßenbahn in einer Schlaufe wieder auf die fünf führen würde, wenn sie vom einen Opfer nicht aufgehalten wird. Solltest du die Weiche umstellen?

Man könnte meinen, dass das Schlaufenbeispiel in allen relevanten Belangen mit dem Standardbeispiel identisch ist. Wenn man Leuten, die das Trolleydilemma noch nicht kennen, entweder das Standardbeispiel oder das Schlaufenbeispiel vorlegen würde, würden wohl ähnlich viele die Weiche umstellen. Das Schlaufenbeispiel untergräbt aber das Prinzip, dass man Menschen nicht instrumentalisieren darf, verhindert doch das eine Opfer, dass die Straßenbahn die fünf anderen gefesselten Personen überfährt. Kann ein zusätzliches Weichenstück wirklich dazu führen, dass die moralische Beurteilung völlig anders ausfällt? Das müsste hier der Fall sein, wenn die Instrumentalisierung ausschlaggebend ist.

Um sich sicherer sein zu können, dass die Instrumentalisierung wahrscheinlich nicht handlungsleitend sein sollte, müsste man natürlich noch weitere Variationen des Beispiels durchgehen. Außerdem könnte man versuchen, zu erklären, weshalb Menschen bei verschiedenen Beispielen unterschiedlich entscheiden. So wurde zum Beispiel festgestellt, dass beim Brückenbeispiel viel eher Hirnregionen aktiv sind, die mit Emotionen zu tun haben, während beim Standardbeispiel diejenigen Regionen dominieren, welche für das rationale Denken zuständig sind. Aus evolutionären Gründen ist es naheliegend, dass wir eine intuitive Abneigung gegen physische Gewalt haben, z. B. den Mann von der Brücke herunterstoßen. Es wäre jedoch nicht verantwortungsvoll, wenn wir uns bei ethischen Entscheidungen von evolutionären Impulsen leiten ließen.

Gedankenexperimente eignen sich also gut zur Überprüfung der Konsistenz ethischer Prinzipien. Gleichzeitig haben sie natürlich auch ihre Grenzen. Aus Gedankenexperimenten sollten auf keinen Fall direkte Handlungsanweisungen für die reale Welt abgeleitet werden. In einem Gedankenexperiment könnte es sich beispielsweise als richtig herausstellen, eine gesunde Person zu töten, um mit ihren Organen fünf kranke Personen zu retten. Daraus folgt aber natürlich nicht, dass Ärzte/innen in der realen Welt dies tun sollten. In der realen Welt gibt es zahlreiche zusätzliche Faktoren, die in der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden sollten. Außerdem ist es in der realen Welt auch enorm wichtig, nach weiteren Handlungsalternativen Ausschau zu halten, die das Gedankenexperiment ausblendet, um analytische Klarheit zu schaffen und einzelne Faktoren isoliert betrachten zu können. Denn wer die Handlungsmöglichkeiten voreilig einschränkt, handelt irrational.

Fassen wir zusammen: Es geht bei Gedankenexperimenten nicht darum, wie wahrscheinlich es ist, dass ein in ihm beschriebener Fall tatsächlich eintritt. Es geht darum, dass man den Werten/Zielen bzw. ihren Begründungen, nach denen man handelt, unter Umständen nach genauerem Nachdenken gar nicht folgen würde. Da unsere Handlungen in der Welt Ausdruck unserer Werte/Ziele sind, kann die Reflexion über Gedankenexperimente weitreichende Folgen haben.

Quellen

  1. Foot, P. (1967). The problem of abortion and the doctrine of double effect. Oxford Review 5, 5-15.
  2. Nozick, R. (1974). Anarchy, state, and utopia. New York: Basic Books, 42-45.

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