Das Vertrauen in die Welt verlieren

Wir Menschen sind die dümmste Spezies, die gerade noch intelligent genug ist, eine Zivilisation aufzubauen. 
– Nick Bostrom

1. Eine Perspektive der Verzweiflung

Auf die Frage, wie er zur Auseinandersetzung mit Ethik, politischer Philosophie und Gerechtigkeit kam, antwortete der Yale-Professor Thomas Pogge, der sein Lebenswerk der Bekämpfung der Weltarmut gewidmet hat, Folgendes (frei übersetzt):

«Die erste wirklich große Erinnerung meiner Kindheit war das Aufwachen in Deutschland, die Feststellung, dass ich mich in einem Land befinde, das gerade vor Kurzem durch eine extrem schlimme Sache gegangen ist. Und als Kind, wenn man aufwächst, hat man den Eindruck, dass die Welt normal ist, dass diese Erwachsenen alles wunderbare Leute sind, man lernt von ihnen, man vertraut ihnen, – aber graduell lernte ich, dass etwas wirklich Außergewöhnliches passiert war. Viele Leute wurden ermordet, ein schrecklicher Krieg hat stattgefunden, den Deutschland dem Rest der Welt aufgezwungen hat, und all die Menschen, die ich als Vorbild hatte, waren in irgendeiner Art und Weise involviert: Meine Lehrer, meine Eltern, alle. Es war einfach ein erstaunliches Aufwachen! Als Kind kämpft man damit. Und für eine Weile verlor ich alles Vertrauen in die Erwachsenen.»

Die Motivation, das eigene Leben dem Effektiven Altruismus zu widmen, kommt häufig aus einer Perspektive der Verzweiflung. Wer darauf vertraut, dass die Welt gerecht ist und dass die Mitbürger/innen ihren Beitrag leisten, der kommt gar nicht erst in einen Geisteszustand, in dem es eine echte Option wäre, das eigene Leben radikal umzustellen, um gegen den Strom etwas an der Welt zu verbessern.

In seinem Essay “On Caring” schreibt Nate Soares treffend:  “[…] es braucht auch die Art von Verzweiflung, die sich aus der Erkenntnis ergibt, dass man sein ganzes Leben hingeben würde, um nur das hundertgrößte Problem der Welt zu lösen, aber dies nicht kann, weil es 99 größere Probleme gibt, die man zuerst angehen muss.”

Diesen Geisteszustand erreicht man nur, wenn man die Probleme in der Welt auch als Probleme wahrnimmt. Die Vorstellung, dass die Welt voll von gewaltigen Problemen ist, ist schwierig zu ertragen – sie steht im Konflikt mit unserem Gefühl der Normalität und davon, dass die Menschen in unserem Umfeld ihren Tätigkeiten nachgehen, ohne den kollektiven Notstand auszurufen. Bei Problemen, die von ihrer Größe her unlösbar scheinen, tendieren wir dazu, sie wegzurationalisieren. Der Kolumnist Oliver Burkeman beschreibt diesen Hang zur gerechten Welt wie folgt:

«Konfrontiert mit den Anzeichen einer Ungerechtigkeit versuchen wir sicherlich, das Problem zu mindern (wenn wir können) – aber, wenn wir uns ohnmächtig fühlen, die Dinge zu richten, dann machen wir aus psychologischer Perspektive das Nächstbeste: Wir überzeugen uns selbst davon, dass die Welt gar nicht so ungerecht ist.»

Selbsttäuschung bewahrt vor der Auseinandersetzung mit traurigen Realitäten. Diese traurigen Realitäten jedoch sind der Grund, weshalb es Bestrebungen wie den Effektiven Altruismus braucht. Und darin liegt eine gute Nachricht verborgen: Gerade weil die Welt voller Probleme ist, und weil diese Probleme gesellschaftlich eine zu kleine Bedeutung erhalten, lässt sich durch den Effektiven Altruismus viel zum Positiven verändern.

Inhaltswarnung: Im den kommenden Kapiteln wird dargelegt, weshalb die Welt, in der wir Leben, keine gerechte Welt ist. Der Text endet zwar optimistisch, aber wer zu existenziellen Ängsten neigt oder sich häufig über Dinge Sorgen macht, die außerhalb der eigenen Reichweite liegen, sollte sich überlegen, das Folgende zu überspringen.

2. Die Teilnahmslosigkeit der natürlichen Selektion

Die Welt ist nicht auf das Wohlergehen der darin lebenden Individuen ausgerichtet. Die Natur zeigt keine Anzeichen, das Produkt eines wohlwollenden Schöpfers zu sein, sondern sie ist das Resultat einer darwinistischen Evolution, die weder ein Ziel, noch eine Vorstellung von gut oder schlecht hat. In der Evolution geht es um Gene, die sich in die nächste Generation kopieren. Diejenigen Genvarianten, die besonders gut darin sind, die nächsten Generationen zu erreichen, verbreiten sich; die anderen nicht.

Altruismus und kooperatives Verhalten kann sich evolutionär unter gewissen Umständen entwickeln – es stellt jedoch die interessante Ausnahme dar, nicht die Regel. Die Natur ist geprägt vom Wettstreit über begrenzte Ressourcen, sowohl zwischenartlich unter Jägern und Beutetieren oder Parasiten und ihren Wirten, als auch innerartlich, etwa bei der Paarungssuche oder bei Kämpfen um die soziale Rangordnung. Im Buch River Out of Eden beschreibt der Evolutionsbiologe Richard Dawkins die Situation folgendermaßen:

«Das Ausmaß von Leid unter den Lebewesen übersteigt die Vorstellungskraft. Während ich diesen Satz schreibe, werden Tausende von Tieren bei lebendigem Leib zerrissen, rennen andere um ihr Leben, werden wieder andere von Parasiten langsam inwendig aufgefressen; Abertausende jeglicher Art verhungern, verdursten, sterben an Krankheiten. Und das muss so sein. Falls denn einmal für eine Population Überfluss herrscht, lässt das Gesetz des Lebens sie automatisch anwachsen und ihn ausschöpfen – bis der natürliche Zustand von Hunger und Elend wiederhergestellt ist.»

Natürliche Selektion spielt sich primär innerhalb einer Art ab, auf der Ebene einzelner Gene. Es herrscht immer ein Selektionsdruck, der diejenigen Genvarianten begünstigt, die den betroffenen Individuen einen Überlebens- und Fortpflanzungsvorteil beschaffen. Daraus folgt, dass perfekt symbiotische Beziehungen, bei denen die “Interessen” – im metaphorischen Sinn (Gene können nicht denken!) – der Gene verschiedener Individuen zu 100% im Einklang sind, relativ selten vorkommen. Häufig funktioniert die Kooperation zwar, aber nicht ohne Kosten (siehe dazu das Beispiel im übernächsten Abschnitt).

Bei uns Menschen ist die Situation speziell, weil wir nebst der Biologie auch noch die Kultur haben, die unser Verhalten komplex beeinflusst. Trotzdem sind wir bei der Geburt biologisch keine “leeren Tafeln”, die auf jede Art und Weise beschrieben werden können. Unsere Bedürfnisse, Intuitionen und Emotionen haben einen evolutionären Ursprung und sind somit häufig nicht so kalibriert, dass ein frohes Zusammenleben einfach wäre. Auch bei uns spielen evolutionäre Interessenkonflikte eine Rolle: In Beziehungen beispielsweise gibt es (auf beiden Seiten) Tendenzen zu Eifersucht, Fremdgehen oder emotionaler Erpressung, die nur deswegen so stark ausgeprägt sind, weil sich diese Verhaltensmuster in der Umgebung unserer Vorfahren positiv auf die Genweitergabe (und nicht etwa auf die Harmonie der Beziehungen!) ausgewirkt haben.

Selbst die Mutter-Kind-Beziehung, die in vielen Kulturen als Versinnbildlichung einer harmonischen Schöpfung betrachtet wird, ist vom Konkurrenzkampf der Gene beeinflusst, die ein unterschiedlich starkes “Interesse” – im metaphorischen Sinn wiederum – am Überleben eines bestimmten Kindes haben. Wie die Evolutionsbiologin Suzanne Sadedin hier erklärt, hat die Monatsblutung bei Frauen beispielsweise ihre evolutionäre Ursache in einem Selbstverteidigungsmechanismus des mütterlichen Uterus gegen embryonales Plazentagewebe, welches fortlaufend versucht, in den Uterus einzuwachsen, um an den Blutkreislauf der Mutter zu kommen.

Das Problem ist, dass die Gene im Fötus ein stärkeres “Interesse” am Überleben des Fötus haben als die Gene in der Mutter. Für die Gene der Mutter ist das Überleben des Fötus im Bauch etwa gleich wichtig wie das Überleben zukünftiger (oder schon geborener) Nachkommen: Bei allen Nachkommen besteht für ein mütterliches Gen nämlich eine 50% Wahrscheinlichkeit, dass es sich in der DNA der nächsten Generation wiederfindet. Für die Gene im Fötus hingegen ist das Überleben des Fötus wichtiger als das Überleben eines Geschwisters, weil ein Gen, das sich im Fötus selbst befindet, zu 100% vom Überleben des Fötus profitiert, während es sich nur mit 50% Wahrscheinlichkeit auch in der geschwisterlichen DNA wiederfindet (Ausnahme: Eineiige Zwillinge). Demzufolge haben die Gene im Fötus ein stärkeres “Interesse” am Überleben des Fötus als die Gene in der Mutter. Letztere profitieren nämlich auch dann, wenn eine riskante Schwangerschaft vorzeitig abgebrochen wird und die Mutter somit mehr Ressourcen zur Verfügung hat, um sich um schon geborene Kinder zu kümmern, oder um zu einem weniger riskanten Zeitpunkt – beispielsweise mit mehr Nahrungsreserven und unter weniger Stress – eine erneute Schwangerschaft anzufangen.

Diese Dynamik führt dazu, dass sich die Außenhüllle des Uterus, das Endometrium, in ein “tödliches Versuchsgelände verwandelt [hat], in dem nur die hartnäckigsten Embryos überleben”. Deswegen kommt es jedoch häufig zu Fehlschwangerschaften, was gefährlich für die Mutter sein kann, weil totes Material im Uterus stecken bleiben könnte. Sadedin erklärt: “Die Lösung bei den höheren Primaten [inkl. Menschen] war es, nach jedem Eisprung, der nicht in einer gesunden Schwangerschaft resultierte, das gesamte Endometrium abzustreifen – inklusive toten/sterbenden Embryos. Es ist nicht unbedingt brillant, aber es funktioniert […]”.

Der erstaunliche Ressourcenverschleiß zeigt eindrücklich, wie selbst die Mutter-Kind-Beziehung durch evolutionäre Interessenskonflikte verkompliziert wird, und wie es töricht wäre, von der Welt zu erwarten, dass sie problemfrei sei, oder dass sich Probleme eventuell von selbst richten werden.

Die natürlichen Umstände machen es uns auch in anderen Bereichen nicht einfach: Bekannte Experimente in der Psychologie haben gezeigt, dass Menschen sich in bestimmten Situationen schockierend rückgratlos und unaltruistisch verhalten können. Das Konformitätsexperiment von Asch zeigt, wie schwierig es für uns ist, alleine für einen Dissens einzustehen. Das Milgram-Experiment zeigt beängstigenden Autoritätsgehorsam, und das Robbers-Cave-Experiment  veranschaulicht, wie schnell sich eine starke Dynamik der “in-group” gegen die “out-group” entwickeln kann. Allgemein: Wie im Einführungstext zur Rationalität erläutert wurde, verdanken wir der Evolution allerlei kognitive Verzerrungen, die unser Denken und das Erreichen unserer Ziele beeinträchtigen. Unsere Denk- und Handlungsheuristiken sind auf die Weitergabe von Genen in der Kleingruppen-Umgebung unserer Vorfahren angepasst, nicht auf Ziele wie Glück, Selbstverwirklichung oder Altruismus in der modernen, globalisierten Welt.

3. Der historische Kontext

Rein für sich besprochen besteht die Gefahr, dass die obigen Beispiele und die vielen “kognitiven Verzerrungen”, von denen stets die Rede ist, etwas abstrakt und belanglos erscheinen. Belanglos sind sie jedoch bei weitem nicht: In den historischen Kontext eingeordnet lässt sich damit erklären, warum Menschen in der Vergangenheit – und häufig noch heute – massenhaft grausame und unnötig dumme Dinge getan haben.

Religiöse Menschenopfer beispielsweise waren Teil vieler Frühkulturen. Bei den Azteken etwa wurden in großer Anzahl Menschen geopfert, meist Gefangene oder Sklaven, aber manchmal auch Kinder und Einwohner des eigenen Reiches. Warum? Weil man glaubte, dass solche Menschenopfer nötig dafür seien, dass die Sonne weiterhin aufgehen wird.

Im alten Rom bestand der Irrglaube, dass Menstruationsblut giftig sei und für schwarze Magie verwendet werden könne. Plinius der Ältere schrieb beispielsweise, dass es Eisen und Bronze zum Rosten bringt, dass es die Früchte von den Bäumen fallen lässt, und dass sich damit Unwetter beeinflussen lassen. Die grausamen Frauenverfolgungen im Mittelalter waren auch dadurch motiviert, dass das Volk an Hexerei und schwarze Magie glaubte.

Die Anfälligkeit des menschlichen Gehirns für derart absurde Thesen ist sowohl tragisch wie auch erstaunlich. Heutzutage gelten Vorstellungen dieser Art in weiten Kreisen als völlig verrückt, aber gleichzeitig ist es so, dass die Römer damals, und wohl auch früher die Azteken, praktisch die gleichen Gehirne hatten wie wir. Es ist bedenklich, dass wir mit Gehirnen herumlaufen, die dieses Maß an Irrationalität und Grausamkeit überhaupt zulassen.

Es ist allgemein schwierig, sich wirklich zu vergegenwärtigen, dass es bis im 17. Jahrhundert keine richtige Wissenschaft gab. Viele medizinische Praktiken waren eher schädlich als nützlich. Auch später noch: Als der Arzt Ignaz Semmelweis um 1845 herum den anderen Ärzten auf seiner Station erklären wollte, dass sie, wenn sie zuvor mit Leichen gearbeitet hatten, vor der Behandlung schwangerer Frauen die Hände desinfizieren sollten, wurde er verhöhnt und durch Intrigen seiner Kollegen in die Irrenanstalt eingeliefert.

Nicht zuletzt ist bemerkenswert, dass Frieden, der lang andauert und in weiten Teilen der Welt herrscht, ein geschichtlich eher neues Phänomen ist. Aus Ressourcenknappheit, und angeschürt durch irrationale Glaubensinhalte und die Einteilung “in-group vs. out-group”, kam es in der Weltgeschichte in verlässlichen Zeitintervallen zu Konflikten, Kriegen oder gar Genoziden. Der Erste Weltkrieg, der gesamtgeschichtlich nicht allzu lange zurückliegt, wurde selbst von der intellektuellen Elite damals freudig begrüßt.

Bei all diesen Punkten ist es nicht etwa so, als ob die dahinterliegenden Ursachen völlig verschwunden wären: Wissenschaftler/innen fallen häufig kognitiven Verzerrungen zum Opfer; ein beträchtlicher Teil der Gesamtbevölkerung akzeptiert die Evolutionstheorie nicht und die Menschen glauben dafür an allerlei Dinge, für die es keine Evidenz gibt; und Tendenzen zum Nationalismus, zur Aggression und zum In-group-Denken verursachen weiterhin Probleme, auch wenn gewaltsame Konflikte viel seltener geworden sind.

4. Unsinnige Anreizstrukturen

Analog zur Natur sind auch menschliche Gesellschaften nicht nach Prinzipien aufgebaut, die ein ideales glückliches Zusammenleben fördern. Gesellschaften sind “gewachsen”: Was stabil ist und sich irgendwie selbst erhält, das setzt sich durch. Dieser Selektionsmechanismus führt häufig zu Anreizstrukturen, die von einem rationalen oder gerechtigkeitsorientierten Gesichtspunkt her kontraproduktiv sind. Einige Beispiele:

In der Politik ist es schwierig, sich für nachhaltige, zukunftsorientierte Themen einzusetzen, weil im Wahlkampf häufig kurzfristig-aktuelle Themen dominieren. In der Forschung erhalten Erstpublikationen und positive Befunde all den Ruhm und Ehre, so dass sich kaum jemand die Mühe macht, Negativbefunde zu veröffentlichen oder erfolgreiche Studien zu replizieren – die Qualität der Wissenschaft leidet darunter extrem. Bildungsinstitutionen dienen eher zur Signalisierung von Intelligenz und Belastbarkeit, und kaum zur Förderung nützlicher Denk- und Arbeitsfähigkeiten. In der Pharmaindustrie wird aus Profitgründen kaum an Krankheiten geforscht, an denen mehrheitlich arme Leute leiden; und weil die Zulassung von Medikamenten so teuer ist, können fast nur Pharmakonzerne das Geld für Studien bereitstellen, was zu einem offensichtlichen Interessenkonflikt führt. Und in den Nachrichten wird am meisten über Geschehnisse berichtet, die beliebt und fesselnd sind, nicht aber über das, was wichtig oder nützlich ist.

5. Ein erstaunliches Aufwachen

Wie es Thomas Pogge gesagt hat: Als Kind hat man den Eindruck, dass die Welt normal ist.

Aber wir leben in einer Welt, in der die politische Einstellung von Personen aufgrund ihrer Reaktion auf ein ekliges Bild vorhergesagt werden kann. Wir leben in einer Welt, in der die Esoterik-Abteilung im Buchladen häufig größer ist als diejenige für die Naturwissenschaften. Wir leben in einer Welt, in der es mehr Publikationen über Mistkäfer oder Snowboarden gibt als über globale Risiken, die zum Aussterben der Menschheit führen könnten.

Und wir leben in einer Welt, in der 16’000 Kinder tagtäglich einen verhinderbaren Tod sterben und 60 Milliarden Landtiere jährlich geschlachtet werden. Können wir uns all diese traurigen Tatsachen überhaupt wirklich vergegenwärtigen?

download

6. Die gute Nachricht der menschlichen Irrationalität

Rationalität bedeutet, die eigenen Ziele effektiv umzusetzen. Wenn die Menschen alle rational wären, dann würde dies bedeuten, dass all die Probleme in der Welt nur deshalb existieren, weil sich zu wenige Menschen darum sorgen. Dann müssten die meisten Menschen apathisch oder gar böse sein. Zum Glück sind wir nur irrational!

Dass wir irrational sind, bedeutet gleichzeitig, dass Hoffnung existiert: Vielleicht würden sich mehr Menschen um die Lösung der Probleme in der Welt kümmern, wenn wir diese Probleme auch eher als Probleme wahrnehmen, statt uns einzureden, dass die Welt im Großen und Ganzen in Ordnung ist. Und vielleicht würden sich mehr Menschen kümmern, wenn ersichtlich ist, wie man als Einzelperson überhaupt etwas verändern kann.

Rationalität ist lernbar. Es wäre beispielsweise vorstellbar, dass Kinder schon im ersten Schuljahr (auf vereinfachte Art und Weise) lernen, was kognitive Verzerrungen sind und wie sie sich vermeiden lassen. Unter diesem Blickwinkel werden Themengebiete wie Geschichte, Evolutionsbiologie und Psychologie plötzlich auch viel interessanter und gegenwartsrelevant. Und in der Politik könnte man vermehrt versuchen, mit gezieltem Nudging die Anreizstrukturen zu verbessern.

Im Buch The Better Angels of Our Nature legt Steven Pinker eindrücklich dar, wie gewaltsame Konflikte in der Vergangenheit – sowohl international wie auch innerhalb von Gesellschaften – nach und nach abgenommen haben. Pinker erklärt diesen Fortschritt durch fünf Faktoren, darunter:

  • Kosmopolitanismus – der Anstieg von Einflüssen wie Lesefähigkeit, Mobilität und Massenmedien, welche “die Menschen dazu bringen können, die Perspektive anderer einzunehmen und so den Kreis der Sympathie zu erweitern”.
  • Der Rolltreppe der Vernunft – die “zunehmende Anwendung von Wissen und Rationalität auf die Angelegenheiten der Menschen, wodurch die Leute gezwungen werden, die Sinnlosigkeit von Gewaltzyklen zu sehen, in denen die eigenen Interessen über diejenigen anderer gestellt werden; sowie die Neuformulierung von Gewalt als einem Problem, das zu lösen ist – anstelle eines Wettkampfs, der gewonnen werden muss”.

Pinker vertritt die These, dass moralischer Fortschritt in der Vergangenheit häufig über die intellektuelle Schiene zustande kam. Auch der Moralphilosoph James Flynn erklärt in seinemTED-Vortrag, wie gesellschaftliche Einflüsse (insbesondere umfassendere Schulbildung sowie die Art der Herausforderungen, mit denen man in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft konfrontiert wird), die den durchschnittlichen IQ über Jahrzehnte hinweg steigen ließen, auch zum moralischen Fortschritt beigetragen haben.

Wenn die obigen Punkte zutreffen, dann besteht die gute Nachricht darin, dass sehr wenige Menschen bisher wirklich realisiert haben, wie weitreichend die Probleme in der Welt sind. Und dementsprechend haben sehr wenige Menschen bisher versucht, die Probleme anzugehen, und denjenigen, die es getan haben, hat es an Mitstreitern/innen, Ressourcen und vielleicht auch nötigem Wissen gefehlt.

Sowohl die Menge an menschlichem Wissen sowie die Verfügbarkeit von Wissen (etwa über das Internet) war nie höher als heute. Und im Zeitalter der sozialen Netzwerke ist es zudem leichter denn je, gleichgesinnte Menschen zu finden, um sich auszutauschen und zu koordinieren. Die EA-Bewegung ist noch jung und unerfahren, aber der Ansatz, der auf Rationalität und Empathie setzt, hat Potenzial. Der Unterschied, der sich dadurch erwirken lässt, könnte absolut gewaltig sein.

Die Irrationalität der Welt lädt zum Verzweifeln ein. Diese Emotion kann als Ausgangspunkt genommen werden, um sich gegen den aktuellen Zustand der Welt aufzulehnen.


Philosophie und sozioökonomische Anwendung

 Zentrale Elemente des Effektiven Altruismus

Weiterführende Texte


NEWSLETTER

Wir halten Sie über unsere Aktivitäten und aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden.

 

UNTERSTÜTZEN SIE UNS

Mit Ihrer Mitgliedschaft tragen Sie nachhaltig zu unseren Projekten, Aktivitäten und unentgeltlichen Angeboten bei und engagieren sich so möglichst effektiv und langfristig für eine bessere Welt.

MITGLIED WERDEN

Unsere Projekte stehen und fallen mit Ihrer Unterstützung: Wir finanzieren uns ausschließlich über Privatspenden EA-interessierter Personen. Über 700 Personen unterstützen unsere Projekte bereits finanziell.

SPENDEN

Bewerben Sie sich auf eine unserer Vakanzen, um sich unserem jungen und dynamischen Team anzuschließen. Wir sind laufend auf der Suche nach neuen Mitarbeiter/innen, Praktikant/innen und Freiwilligen.

JETZT BEWERBEN